Januar 2006
Monatliches Archiv
Do 19 Jan 2006
Der Werbeblogger Patrick Breitenbach berichtet in seinem Blog, für kreative Namensfindung seien unter Werbern neben einem gepflegten Brainstorming Drogen notwendig, und zwar in nicht unwesentlichen Mengen. Es soll sich dabei neben Koffein und Nikotin auch um “andere Drogen” handeln.
Leider verschweigt uns der gute, was er genau mit diesen anderen Drogen meint. Bestimmt Alkohol. Ein Schelm, wer an noch andere Drogen denkt. Nein, nein, unter Werbern konsumiert man gewiss nur legale Drogen.
Aber zurück zum Thema: Brainstorming allein reicht nicht. Das ist das Körnchen Wahrheit, welches in dem humorvoll geschriebenen Beitrag über die HorstBox steckt. Brainstorming allein ist keine Kreativitätstechnik. Denken aber leider viele Menschen. “Lasst uns kreativ sein; wir machen ein Brainstorming”. Und fahren die Ideensuche voll gegen die Wand.
Transfer:
Was Werber schon lange wissen, sollte auch unter Ideenfindern endlich seinen festen Platz bekommen! Ein leckeres Gläschen Wein oder ein frisches Bier lockert die Stimmung, und genau dieser Effekt wird benötigt. Kombiniert man den wohlbedachten Alkoholkonsum mit einer effizienten Kreativitätstechnik, so kommen mit hoher Wahrscheinlichkeit abgedrehtere, überraschendere Ergebnisse heraus als in einer nüchternen Vergleichsgruppe. Empirische Untersuchungen stehen noch aus. Wenn sich keine finden, muss die Kreativguerilla das wohl selber in die Hand nehmen.
Den Problemen, die Alkohol so mit sich bringt, kann man durch gute Planung begegnen. Es darf nur kontrolliert konsumiert werden und auch nur in gut überlegtem Maße, damit beim Filterungsschritt noch effizient gefiltert werden kann. Stichwort Gleichgültigkeit. Oder man verlagert den Schritt gleich auf den nächsten Tag. Das ist sowieso sinnvoll, da man zu dem Zeitpunkt schon ein bisschen Distanz zu den rohen Ideevorschlägen gefunden hat und besser selektiert.
Und so zeigt uns die HorstBox doch letzten Endes, wie effektiver nach Ideen gesucht werden kann. Gäb es nicht schon die etablierte Fritz-Reihe aus dem Hause AVM (Fritz!Box etc.), die HorstBox wäre der Knaller. So aber bleibt der Name Plagiat.
Do 12 Jan 2006
Nun haben wir die Weihnachtszeit schon etliche Tage hinter uns, doch die allgegenwärtige Klingelton-Betreiberlogo-"Lad-dir-die-geile-Mandy-aufs-Handy"-Mischpoke blinkt uns auch weiterhin gnadenlos mit diversem saisonalem Handyklingeltongenerve aus dem Fernseher entgegen.
Und war man bereits der Meinung, man hätte in diesem Zusammenhang schon genug Tiefpunkte erlebt – von nackten Fröschen auf unsichtbaren Motorrädern bis hin zur singenden, in den Drehspieß verliebten Dönertasche – da gab es diesmal ein wahrlich kreatives Weihnachtsgeschenk*.
Da hat sich wohl einer dieser Klingeltonkreativen gedacht, man müsse die winterliche Republik** mit einem besinnlichen Klingelton samt wunderbarem Werbevideo um eines der wichtigsten Gegenstände der traditionellen deutschen Weihnacht beglücken. So entstanden die „bösen Weihnachtstassen“. Für die, die dank geringen Fernsehkonsums oder beharrlicher Konzentration auf öffentlich-rechtliche Fernsehsender nicht wissen, wovon ich rede: Es geht hier um zwei sprechende Weihnachtstassen (das Produkt „Weihnachtstasse“ gibt es übrigens wirklich), welche versuchen, sich vorm Tannenbaum einander – relativ apathisch, wie Tassen halt normalerweise sind – klarzumachen, wer denn jetzt die doofere Tasse von beiden ist. Mehr nicht.
In Wirklichkeit muss man natürlich feststellen, dass beide Tassen doof sind. Böse an jenen ist darüber hinaus eigentlich nur, dass für so was viel Geld genommen wird, aber das soll nicht Thema sein, darüber haben sich bereits andere ausführlich ausgelassen. Die Frage ist eher, was sind das für Menschen, die sich solche Sachen ausdenken? Oder sind nicht die Menschen die Ursache, sondern eher die Kreativitätstechniken? Werden hier einfach wahllos aus einem Wörterbuch Dinge und Attribute gewählt (dagegen würde sprechen, dass „Döner“ wohl noch nicht im Brockhaus steht) oder werden bekannte Techniken einfach falsch angewendet? Haben die Kreativabteilungen der Klingeltonverschicker etwa bei der Umkehrtechnik („Was wäre ein genialer Klingelton“ -> „Was für ein Klingelton wäre so richtig mies?“) seit Jahren schon die Umkehrung der Anti-Lösungen vergessen? Man weiß es nicht…
Möglicherweise werden solche Sachen auch einfach von Praktikanten, der Raumpflegegehilfin oder vom Chef auf der Toilette ersonnen und eine Kreativabteilung gibt es gar nicht. Oder die Kreativabteilung ist bereits seit drei Jahren nach Afghanistan outgesourced und ebensolange ist der Kontakt zu ihnen abgebrochen. Als kleine Dienstleistung und für mehr Innovation in dieser Branche haben wir jedenfalls Klingeltonideen ersonnen, die garantiert Erfolg versprechen und im Folgendem aufgeschrieben:
- Der cholerische Schulhilfshausmeister mit dem Handyherzschrittmacher
- Honk, der impotente Walroßaffe
- Zep das Sumpfhuhn, das mit dem Dollarkurs sin(g/k)t
- Claudia, die besinnliche Bettwärmflasche
- Das Technoschaf mit dem Benzinkanister
- Karsten die liebestolle Klobürste
- Saddam Hussein, Tiger Woods und die Golfkriegshymne
- Basti der betrunkene Bierdeckel
- Susanne das irakische Geiseltierchen
*geschenkt für nur 3,63€/Monat im Spar-Abo
**bzw. die Zielgruppe der medienunmündigen Mitbürger, die für so was Geld verschleudern
Mi 4 Jan 2006
Das arbeitgebernahe Institut Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hat es vorgemacht:
Durch Umwidmung des Begriffs “sozial” gelang es dem Institut, eine von Arbeitnehmerseite aus geprägte Auslegung zu ersetzen durch eine Definition, die sehr viel arbeitgeberfreundlicher ist. Das INSM lancierte nämlich den Slogan “Sozial ist, was Arbeit schafft” und erreichte sogar, dass er im Parteiprogramm der CDU steht. Viele Neoliberale oder Arbeitgeberfreunde benutzen den Slogan inzwischen so wie eine Redewendung.
Dabei hat das Arbeitschaffen nicht viel mit dem herkömmlichen Wort “sozial” zu tun: Bisher versteht man darunter vielmehr das uneigennützige Handeln, das auch von Fürsorglichkeit geprägt sein kann. Auch mit Attributen wie ritterlich, höflich, taktvoll, hilfreich, nachsichtig und vielen mehr wird “sozial” beschrieben.
Im Gegensatz dazu ist manches, was Arbeit schafft, nicht gerade sozial, manches sogar ausgesprochen unsozial. So klingt der oben genannte Slogan aus dem Munde eines Call-Center-Betreibers, der einen Hungerlohn zahlt, wie blanker Hohn in den Ohren seiner Beschäftigten. Diese Konstellationen kommen aber durchaus vor und die Politik weiß auch davon. Trotzdem konnte sich der Slogan durchsetzen.
Das Beispiel zeigt, dass es möglich ist, Begriffe im eigenen Sinn umzuwidmen. Diese Erkenntnis können wir auch im Bereich der Kreativität ausnutzen:
Jede angewendete Kreativitäts- oder auch Ideenfindungstechnik ist ein schöpferischer Prozess. Richtige Dynamik entwickelt er aber erst, wenn mehrere Menschen dabei zusammenarbeiten. Allerdings kann bei schlechter Moderation der Prozess zum Stillstand kommen. Um das zu erklären, werden die Teilnehmer in zwei Klassen unterteilt:
- Die Ernsten wollen Ergebnisse sehen und arbeiten sehr zielorientiert,
- die Lockeren (meist Außenstehende) dagegen werfen verrückte Dinge ein und kümmern sich zunächst wenig um die Realisierbarkeit.
Beide Gruppen haben so ihre Probleme: Die Ernsten bringen nur konventionelle Ideen zustande, die Lockeren dagegen wenige verwertbare Lösungsansätze. Die Kombination dieser beiden Gruppen führt aber nicht zwangsläufig zu einem richtig kreativen tollen Ergebnis. Bei schlechter Leitung / Moderation arbeiten die Ernsten und die Lockeren nämlich gegeneinander. Die Ernsten zerreden die Vorschläge der Lockeren wegen der Nichtrealisierbarkeit und umgekehrt kritisieren die Lockeren die Vorschläge der Ernsten als langweilig. Am Ende kommen noch weniger verwertbare Ergebnisse heraus, als wenn eine homogene Gruppe allein gearbeitet hätte.
Festgehalten werden muss: Es gibt verschiedene Arten von Menschen. Aber allen muss das Finden von Ideen Spaß machen. Und das hängt im Wesentlichen von der Moderation ab, die erstens für die Akzeptanz der Kreativitätstechnik sorgen muss. Das Prinzip der Technik muss allen Beteiligten klar sein und sie müssen es akzeptiert haben. Und zweitens muss die Moderation die Teilnehmer selber akzeptieren. Das bedeutet auch, dass die Eigenarten, mit einer Ideenfindungstechnik umzugehen, toleriert und aufgabenorientiert entschärft werden. Letzten Endes führt dies zu Erfolgserlebnissen und damit zu Freude an der Sache. Um diesen Sachverhalt auf einen Slogan zu verkürzen, könnte man auch sagen: Kreativ ist, was Spaß macht.
Verbreitet den Slogan, bis er in den Reden von Bundestagspräsidenten angekommen ist! Wenn Deutschland das Land der Ideen ist, so können wir stolz darauf sein, wenn wir als Spaßgesellschaft bezeichnet werden. In diesem Sinne!