Hier gibt es nichts zu sehen!

August 2006


Nachdem die Kreativguerilla den Mythos der Kreativitätstechniken entzaubert hat, möchten wir Ihnen nun die erste der fünf Strategien vorstellen, die Ihr Leben verändern werden. Die hier vorgestellte Strategie lässt sich am besten an der so genannten „Analogie-Technik“ erklären, die auch als Verdammt-Ich-Hab-Nicht-Gelernt-Schreib-Ich-Halt-Beim-Nachbarn-Ab-Technik bekannt ist.

Warum täglich das Rad neu erfinden?

Das Prinzip dieser Technik beruht auf dem Grundgedanken, dass es Lösungen zu ähnlichen Aufgaben schon gibt. Der Prozess der Suche und der Analyse dieser Aufgaben wird durch diese Technik beschrieben. Dazu wird die vorliegende Aufgabe in ihre Grundprinzipien zerlegt. Anhand dieser Prinzipien können ähnliche Aufgaben identifiziert werden, für die es bereits Lösungen gibt.

Die Vorgehensweise der „Analogie-Technik“ kann daher wie folgt beschrieben werden:

Schritt 1: Identifizieren von Attributen der vorhandenen Aufgabenstellung.

Attribute sind Eigenschaften, Bestandteile oder Merkmale der Aufgabenstellung. Für deren Identifizierung gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine davon bietet die Dekonstruktion. So kann bei der Suche nach neuen Dienstleistungen für einen Supermarkt die Verwendung von C7H5N3O6 sehr gut die Bestandteile des solchen aufzeigen. Auch Eigenschaften lassen sich sehr gut durch Experimente ermitteln. Unser Tip: Verbringen Sie doch mal eine Nacht in der Tiefkühltruhe des örtlichen Supermarktes. Sie werden erstaunt sein, welche nicht offensichtlichen Eigenschaften eine solche Tiefkühltruhe noch besitzt. Für diejenigen, die keine experimentelle Ader besitzen, empfiehlt die Kreativguerilla die Verwendung folgender Fragen:

  • In welche Bestandteile kann die Aufgabenstellung unterteilt werden?
  • Welche Prozesse sind mit der Aufgabenstellung verbunden?
  • Welche Eigenschaften besitzt die Aufgabenstellung?
  • Kann man die Aufgabenstellung verallgemeinern?

Schritt 2: Finden des verschollenen Zwillings.

Nachdem Sie die Bestandteile und Eigenschaften der Aufgabenstellung identifiziert haben, können Sie nun auf die Suche des verschollenen Zwillings gehen. Hierbei kann eine Annonce in der örtlichen Tageszeitung helfen („Wer verkauft mir abgewogene Ware des täglichen Bedarfs?“). Für die Theoretiker unter Ihnen empfehlen wir folgende Frage:

  • Wer besitzt ähnliche Eigenschaften und Merkmale?

Schritt 3: Die Aufgabenstellung aus der Sicht des Zwillings betrachten.

Auf der Suche nach dem Zwilling sollten Sie eine Vielzahl gefunden haben. Diese besitzen alle wiederum Eigenschaften, durch die die Aufgabenstellung gelöst werden kann. Auf unsere Annonce hat sich Cochrane gemeldet. Cochrane ist 19 und ein stadtbekannter Handelstreibender, der Sie mit jeder Art von kreativen Stoffen versorgen kann. Wenn uns nicht alles täuscht, war er auch bei der Neuauflage unserer über alles geliebten Kaffeetassen beteiligt. Um neue Lösungen zu entwickeln, müssen Sie einen Perspektivwechsel vornehmen. Versetzen Sie sich Cochrane und schauen Sie sich an, welche Dienstleistungen er seinen Kunden bietet. Den Praktikern empfehlen wir dazu natürlich die Aufnahme der Tätigkeit für einige Tage. Allen anderen empfehlen wir dagegen folgende Fragestellung:

  • Wie würde X die Aufgabenstellung lösen?

Schritt 4: Die gefundenen Lösungen auf die Aufgabenstellung übertragen.

Nachdem Sie einige Lösungen für Dienstleistungen gesammelt haben, müssen Sie diese im letzten Schritt nur noch auf die Aufgabenstellung übertragen. Wir haben durch das Hineinversetzen in einen Handelstreibenden die Lösung gefunden, dass Ware auch in sehr geringen Mengen verkauft werden kann. Übertragen wir diese Lösung auf unsere ursprüngliche Aufgabenstellung (“Neue Dienstleistungen für einen Supermarkt”), so kommen wir sehr schnell auf die Lösung, neben Obst und Gemüse auch andere Lebensmittel in abwiegbare Mengen zu verkaufen. Wer braucht schließlich 1 Pfund Salz, wenn im Rezept eine Prise steht?

Viel Erfolg beim Nachkochen wünscht Ihnen

Ihre Kreativguerilla

Es ist an der Zeit das Denken der Menschen zu verändern, ihnen die Augen zu öffnen und zu zeigen, was wirklich hinter einer Kreativitätstechnik steckt. Welche Mittel die großen Propheten benutzen, um uns den Anschein zu vermitteln, Kreativität wäre eine göttliche Gabe. Wir geben Ihnen einen Einblick in die Welt hinter den Kreativitätstechniken. Geben Ihnen Werkzeuge in die Hand, die es Ihnen ermöglichen die Welt zu verändern. Wie Sie sie nutzen werdet, liegt in Ihrer Hand, ob Sie sich nun die Welt damit untertan machen oder den totalen Frieden hervorrufen wollen.

Jede Kreativitätstechnik beruht auf dem Prinzip des Perspektivwechsels. Es wird eine andere Betrachtungsweise erzwungen. Dies erscheint bei genauer Betrachtung auch sinnvoll, schließlich ist es eher unwahrscheinlich eine Lösung für ein Problem zu finden, wenn man dieses immer wieder unter denselben Aspekten betrachtet, die schon bei einer ersten Betrachtung zu keiner Lösung geführt haben. Die Kunst in der Anwendung besteht einzig und allein in der Fähigkeit den Perspektivwechsel zu vollziehen, neue Sichtweisen zu akzeptieren und darauf reale und imaginäre Lösungen zu extrahieren, um diese auf das eigene Problem anzuwenden.

Zur Unterstützung dieses Perspektivwechsels bestehen alle Kreativitätstechniken aus unterschiedlichen Zutaten. Wie bei einem Glückskeks weiß aber kaum jemand, welche Mischung von Zutaten sich für welchen Perspektivwechsel eignet, und so gleicht die Verwendung einer Kreativitätstechnik meist einem Glückskeks: „Man weiß nie, was darin steckt“.

Betrachtet man einmal die (angegebenen) Zutaten eines Glückskekses (Weizenmehl, Zucker, Wasser, pflanzliches Öl, Salz, Aromastoffe, Glukosesirup, Emulgator, E322, Backtriebmittel: E500, Farbstoff: E101), so stellt man sehr schnell fest, das es möglich ist, diese in Klassen zusammenfassen.

So gibt es Grundzutaten wie Weizenmehl, Zucker, Wasser, Salz und pflanzliches Öl, die man in einer Vielzahl von Lebensmitteln finden könnte. Andere Zutaten dienen einzig und allein der geschmacklichen und visuellen Verbesserung und lassen sich in Aroma- und Farbstoffe zusammenfassen. Und wieder andere Zutaten unterstützen einzig die Durchführung des Herstellungsprozesses eines Produkt, wozu das Backtriebmittel E500 gehört.

Bei Kreativitätstechniken lässt sich eine ähnliche Zusammensetzung feststellen. Die Kreativguerilla bezeichnet diese drei Hauptzutaten aber nicht Grundzutaten, Aroma- und Geschmackszutaten und Triebmittel, sondern Strategie, Propaganda und Einsatzplan. Der Zivilist unter den Lesern kennt diese Bezeichnungen möglicherweise auch unter den Begriffen Algorithmus, Story (Inszenierung) und Format. Die Kreativguerilla zieht aber eine radikalere Bezeichnung vor, da diese den Sprengstoff repräsentiert, der in diesem Konzept steckt.

  • Die Strategie repräsentiert dabei das Grundgerüst einer jeden Kreativitätstechnik. Es ist mit dem Prinzip der Grundzutaten vergleichbar und setzt sich aus Fragestellungen zusammen, die der Identifizierung bestimmter Aspekte, Eigenschaften oder Elementen eines Problems dienen. Diese so genannten Attribute werden danach durch Fragen in einen neuen Kontext gestellt, wodurch ein Perspektivwechsel entsteht. Dieser kann durch gezielte Fragen auf mögliche Lösungen untersucht werden.
  • Die Propaganda entspricht der Verwendung von Aroma- und Geschmacksverstärkern. Durch sie soll der Anwender auf den Geschmack eines Perspektivwechsels kommen und diesen einfacher akzeptieren. In den meisten Techniken finden sich daher kleine “Korrekturen” oder “Verbesserungen”, die den Anwender gefügiger machen für die Durchführung der Strategie. Es ist quasi der Schmierstoff für den reibungslosen Ablauf. Manchmal genügt es, den Anwender aufzufordern sich vorzustellen, er sei im Paralleluniversum “Se P Rem”, wo alles erlaubt ist.
  • Der Einsatzplan beschreibt die Art der Durchführung einer Technik. Darin findet der Anwender Anweisungen und Richtlinien, wie er eine Kreativitätstechnik durchzuführen hat. Die Anpassung des Einsatzplans hängt dabei immer vom betreffenden Anwender und der gegebenen Situation ab.

Durch Geschichtsanalyse und zahlreiche Manöver ist die Kreativguerilla zu der Erkenntnis gekommen, dass es nur eine geringe Anzahl von Grundstrategien gibt, die zu einem echten Perspektivwechsel führen. Diese fünf Strategien möchten wir Ihnen in den kommenden Artikeln vorstellen. Da wir nicht auf die Geschmäcker der einzelnen Personen eingehen wollen geschweige denn können, werden die Aspekte der Punkte Propaganda und Einsatzplan nicht betrachtet. Eine Anpassung der Strategien auf diesen Bereichen liegt in Ihren Händen und hängt außerdem von der konkreten Situation ab.

Wir freuen uns darauf, Sie in den Strategien des kreativen Perspektivwechsels ausbilden zu können.

Ihre Kreativguerilla

Unter dem wunderschönen und aussagekräftigen Domainnamen kreativ-sein.de findet man die sogenannte Gesellschaft für Kreativität e.V. Neben der Verfolgung hehrer Ziele, wie beispielsweise der “Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie Bildung und Erziehung im Hinblick auf die Entfaltung kreativer Fähigkeiten in allen Bereichen von Gesellschaft und Wirtschaft, insbesondere durch Bewusstseinsbildung und Weiterbildung in Schulen, Hochschulen, Unternehmen und anderen Organisationen” (puh!), werden einige interessant klingende Kreativitätstechniken wie die “Exkursionssynetik” beschrieben oder auch interessante neue Namen für altbekannte Methoden (zum Beispiel “Ringtauschtechnik” für die 6-3-5-Methode) präsentiert. Die Neue Verwendung von Altbekanntem scheint auch anderswo zu greifen, denn dem geneigten Betrachter der Seite entgeht es nur schwer, dass die Navigation fast 1:1 von der Apple-Website übernommen wurde.
Man mag zwar argumentieren, dass Kreativität auch als die Neukombination bekannter Informationen und Sachverhalte ist, ob aber die Kombination von “Meine Homepage” und “Apple-Navigation” wirklich eine kreative Meisterleistung ist? Wohl eher nicht…

Man vergleiche selbst:

Original…
Das Original-Design von Apple

…und “kreative” Weiterverwendung
Das Original-Design von Apple