“Wir haben erfahren, dass [...] Informationen in vielen einzelnen Neuronen und ihren Fasern kodifiziert sind, also in einer ungeheuren Vielzahl gleichzeitiger Speicherungen von Code-Molekülen, diffus über die ganze Großhirnrinde verteilt, also nicht streng lokalisiert. Und nur, weil die Speicherung auf diese Weise erfolgt, ist überhaupt Kreativität möglich. Wieso?
Durch diese vervielfachte Anordnung ergeben sich unter den entstehenden Informationsmustern sogenannte Resonanzen (‘Mitschwingungen’) und Interferenzen (‘Schwingungswechselwirkungen’). Und diese können von Zeit zu Zeit aus sich heraus völlig neue Sinninhalte, das heißt ein neues originales Informationsmuster und damit eine schöpferische Idee erzeugen. (…)
Kreativität, Intuition, Einfälle haben somit keinen bestimmten Sitz im Gehirn, sie entstehen vielmehr aus dem Wechselspiel der Vielfachspeicherung, der äußeren und inneren Wahrnehmungen, ja sie sind (Herv. i. O.) dieses Wechselspiel.

Gefunden bei Vester, Frederic (1925 – 2003): Denken, Lernen, Vergessen: was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann lässt es uns im Stich? 31. Auflage 2006, S. 108 – 111