Mi 27 Jun 2007
Mal wieder selbst die Hand anlegen
Von JimmyDasGummipferd in Entdecktes , Für die Vorschlagsbox , TechnikenKeine Kommentare
Viele Bücher des kreativen Kampfes sehen im Gruppenkampf als beste Strategie, um ein Ziel zu erreichen. Die Autoren gehen davon aus, dass eine Gruppe von Kämpfern mehr Ideen entwickeln kann als der Einzelne allein. Hierbei stützen sie sich auf eine Annahme, die Osborn 1967 im Zusammenhang mit seiner Strategie „Brainstorming“ getroffen hat. Er behauptete, dass eine durchschnittliche Person (unter der Befolgung der Regeln seiner Strategie) in einer Gruppe zweimal so viele Ideen bedenken (also erzeugen) kann, als wenn sie alleine arbeitet.
Im Laufe der vergangen Jahrzehnte wurde dieser Gedanke immer wieder aufgegriffen und in vielen anderen Strategien (Bsp. Galerietechnik, 6-3-5-Technik) integriert. Diese Strategien des einfachen Volkes propagieren, wie auch Brainstorming, den gruppenbasierten Kampf und suggerieren dem Anwender eine vermeintlich sichere Strategie. Bei einer unsachgemäßen Anwendung können diese Strategien aber schnell zu einer Gefahr für das kreative Potential werden. Stellen Sie sich zum Beispiel folgendes Szenario vor:
Sie befinden sich mit ihren Kameraden auf feindlichem Gebiet und haben den Auftrag, nach Schwachstellen des Feindes zu suchen. Da Ihre Organisation Kosten sparen muss, um die Dividende der Aktien zu erhöhen, besitzt Ihr Trupp nur ein Fernglas. Sie entdecken am Horizont eine verdächtige Bewegung, müssen aber feststellen, dass ein anderes Mitglied Ihrer Gruppe in diesem Moment das Fernglas benutzt, um seinen eigenen Beobachtungen nachzugehen. In dieser Situation stehen Sie vor einem kreativen Dilemma:
- Sie können Ihrem Kameraden das Fernglas entreißen, würden aber hierdurch seine Erkundungstätigkeit stören.
- Sie können abwarten, bis Ihr Kamerad seine Erkundungstätigkeit beendet hat, riskieren aber, dass Sie die Position der verdächtigen Bewegung verlieren.
Es zeigt sich, dass Sie in beiden Fällen Gefahr, laufen den kreativen Prozess zu blockieren. Sie riskieren somit einen drastischen Leistungsverlust Ihrer Strategie. Ein Optimist würde nun sagen, dass man dieses Problem lösen könnte, wenn man dem Trupp mehrere Ferngläser mitgeben würde. Dies mag eine Lösung für dieses spezielle Problem sein, aber wie sieht es für andere Situationen aus? Möchten Sie in einer Gruppe einem anderen Teilnehmer ins Wort fallen oder gar selbst von anderen unterbrochen werden? Die Kreativguerilla hat dieses Problem erkannt und sich auf die Suche nach einer Lösung für dieses Problem begeben.
Bei unseren ersten Untersuchungen sind wir auf ein Paper von Stroebe und Nijstad (pdf) gestoßen. Dieses strategische Schriftstück fasst die derzeitigen Erkenntnisse über das Phänomen zusammen und gibt ihm den Namen „Blockierungseffekt“. Stroebe und Nijstad entwickeln mehrere Ansätze, um diesen Effekt zu verhindern, kommen aber zu dem Ergebnis, dass eine Eliminierung der Blockierung das Auftreten von stimulierenden Prozessen in einer Gruppe nicht garantieren kann. Glaubt man diesen Untersuchungen, so wäre die Effizienz von kreativen Gruppenprozessen in Frage gestellt.
Sie stellen sich jetzt bestimmt die Frage:
Wenn kreative Gruppenprozesse schlecht sind, welche Möglichkeit zur Steigerung meiner Kreativität gibt es denn dann?
Natürlich liegt der Kreativguerilla das Wohl seiner Leser am Herzen. Wir haben uns daher erneut in den Untergrund begeben, um eine Antwort zu finden. Hierbei sind wir auf ein interessantes Schriftstück von Mueller, Diehl und Ziegler (pdf) gestoßen, welches im Prinzip der Selbststimulation den Schlüssel zur kreativen Erfüllung sieht.
Die Selbststimulation beruht auf der Erkenntnis, dass direkt aufeinander folgende Ideen auf ähnlichen Gedankengängen basieren. Wenn ein Kämpfer also eine Idee für eine Problemlösung sucht, so wird er auch sehr schnell Ideen entdecken, die durch naheliegende Gedankengänge entstehen. Diese Ideen können in semantischen Kategorien zusammengefasst werden.
Der Kämpfer wechselt zu einer anderen Kategorie, wenn er in der aktuellen Gedankenregion keine neuen Ideen mehr entdeckt. Dieser Wechsel spiegelt sich auch in der Länge der Pausen zwischen den erzeugten Ideen wieder. So vergrößert sich die Pausendauer mit zunehmender Suche in einer Gedankenregion kontinuierlich. Dieser Prozess vollzieht sich so lange, bis ein Wechsel zwischen zwei Regionen stattfindet. Da der Kämpfer in der neuen Region auf nicht abgeerntetes Gebiet trifft, findet er zunächst schnell neue Ideen, wodurch die Pausenlänge auf ein Minimum abfällt.
Mueller, Diehl und Ziegler vermuten, dass die letzten Ideen einer semantischen Kategorie ein hohes Potential für die Entwicklung neuer Ideen besitzen, aber aufgrund der Ermüdung und Anstrengung der Kämpfer nicht beachtet werden. Durch eine Selbststimulation könnte daher dieses Potential nutzbar gemacht werden. Hierzu wird empfohlen, nach einer Ideenproduktion erneut die letzten Ideen der semantischen Kategorien als Anregungen zu betrachten. Diese Ideen lassen sich durch die Zeitdauer, die zwischen den einzelnen Ideen entstehen, identifizieren. In Experimenten konnte gezeigt werden, dass diese Art der Selbstsimulation zu einer Erhöhung der kreativen Leistung der einzelnen Kämpfer führen kann. Die kreative Leistung einer Selbststimulation übersteigt weiterhin das Potential eines kreativen Gruppenprozesses, bei denen Ideen fremder Personen als Anregungen verwendet werden.
Der kreative Kämpfer sollte sich demnach viel mehr selbststimulieren, um sein kreatives Potential zu erhöhen. Diese Erkenntnis spiegelt sich auch bei einer Betrachtung der aktuellen Weltsituation wieder. So setzen viele Untergrundorganisationen wie die al-Qaida, die Ansar al-Islam, die Hamas und die Volksfront von Judäa vermehrt auf Einzelkämpfer, um ihre Ziele zu verfolgen. Und der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben.
Die Kreativguerilla möchte daher diesen Ansatz aufgreifen und in ihre Arbeit integrieren. Ihre Mitglieder werden auch in Zukunft auf Gruppenarbeit verzichten und weiterhin eigene Artikel verfassen. Wir werden uns selbst anregen und erhoffen uns hierdurch das Erreichen einer neuen kreativen Sphäre. Folgen Sie unserem Beispiel und legen Sie beim nächsten kreativen Prozess einfach mal selbst Hand an.
In diesem Sinne: Stimulieren Sie sich doch mal wieder selbst!
