Verehrte Leser,
versetzen Sie sich bitte einmal in unsere Lage: Wir versuchen, aus dem Untergrund heraus einen Schlag gegen die regierende Militärjunta durchzuführen. Wir müssen dafür die Ziele bestimmen, eine Strategie zum Erreichen entwickeln und ausgestalten, Männer organisieren, bewaffnen und schließlich das Angedachte in die Tat umsetzen. Werfen wir nun einen näheren Blick auf den Strategieteil: Wir überlegen uns, wie wir genau vorgehen, um die gesteckten Ziele erreichen zu können. Dann nehmen wir heimlich kopiertes Kartenmaterial und zeichnen ein, wie wir unsere wenigen Ressourcen und Mitstreiter verteilen und voranbewegen. Gerne unter Zuhilfenahme von Stecknadeln und bunten Wollfäden. Dadurch wird das Ergebnis sehr anschaulich und es lässt sich leichter vermitteln.
Und jetzt kommt die Gretchenfrage: Wo, meinen Sie, steckt der wichtige kreative Anteil? Klar, das Ausgestalten fordert alle handwerkliche Kreativität. Wenn es gut gemacht ist, wird man bestimmt von seinen Kameraden bewundert für die kunstvolle Darstellung der Strategie. Gut, aber so richtig wichtig für das Erreichen der Ziele ist es nicht, oder? Da spielt ein anderer Part eine erheblich größere Rolle: Das Überlegen der Vorgehensweise, lange bevor man eine Karte hernimmt und darauf Linien einzeichnet. Gewiss, manchmal kommen einem beim Wollfädenziehen auch noch gute Ideen. Aber erst zu dem Zeitpunkt festzulegen, wie man überhaupt vorgeht, wäre fahrlässig, unprofessionell und wenig Erfolg versprechend.
Soweit ist das gut nachvollziehbar. Würde uns jemand eine Fortbildung verkaufen wollen, bei der man lernt, wie man richtig mit Stecknadeln und bunten Fäden umgeht, würden wir uns nur an den Kopf fassen. Wer ein solches Angebot annimmt, zeigt damit gleichzeitig, dass er von Untergrundkriegsführung ziemlich wenig Ahnung hat.
Kann uns jetzt mal jemand erklären, wieso es so viele Anbieter von Mind-Mapping-Kreativitätsseminaren gibt und warum die sich über Wasser halten können?
fragt sich
Ihre Kreativguerilla